März 2016

maniger grüezet mich also

I
Maniger grüezet mich alsô
– der gruoz tuot mich ze mâze vrô -:
“Hartman, gên wir schouwen
ritterlîche frowen.”
mac er mich mit gemache lân
und île er zuo den vrowen gân!
bî frowen triuwe ich niht vervân,
wan daz ich müede vor in stân.

II
Ze frowen habe ich einen sin:
als si mir sint, als bin ich in,
wand ich mac baz vertrîben
die zît mit armen wîben.
swar ich kum, dâ ist ir vil,
dâ vinde ich die, diu mich dâ wil,
diu ist ouch mînes herzen spil.
waz touc mir ein ze hôhez zil!

III
In mîner tôrheit mir beschach,
daz ich zuo zeiner frowen gesprach:
“frowe, ich hân mîne sinne
gewant an iuwer minne.”
dô wart ich twerhes an gesehen.
des wil ich, des sî iu bejehen,
mir wîp in solher mâze spehen,
diu mir des niht enlânt beschehen.

Übersetzung:

I
Mancher begrüsst mich so / (diese Begrüssung macht nicht besonders froh):  “Hartmann, lass uns losgehen, / edle Damen anschauen!” / Der kann mich in Ruhe lassen / und selber zu den Damen rennen! / Bei den Damen traue ich mir nichts zu, / ausser dass ich müde vor ihnen herumstehe.

II
Wenn es um Damen geht, gilt für mich nur eines: / Wie sie zu mir sind, so bin ich zu ihnen./ Denn ich kann mir die Zeit besser / mit ganz normalen Frauen vertreiben. / Wo ich mich immer aufhalte, da gibt es davon viel, / da finde ich die, die mich auch will, / und bei der ist auch mein Herz ein Trumpf. / Was nutzt es mir, wenn ich um einen zu hohen Preis spiele?

III
In meiner Dummheit ist es mir passiert, / dass ich zu einer Dame sagte: / “Herrin, ich habe mich ganz und gar / eurer Liebe ergeben.” / Da wurde ich scheel angesehen. / Darum werde ich, das sei euch gesagt, / mir so beschaffene Frauen ausgucken, / die mir so etwas nicht antun.

Hartmann von Aue, ungefähr 1210

Februar 2016

Dr Hansjakobli u ds Babettli
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Dr Hansjakobli u ds Babettli
hei mit em Chuchitaburettli
es Spieli zäme gschpilt zum göisse
“he he Frou Meier” het das gheisse

Da isch zum Bischpiel zersch ds Babettli
druf gchlätteret uf ds Taburettli
u Hansjakobli wo süsch zaaget
isch tifig tifig drunder gschnaaget

Ganz lut het obehär ds Babettli
jitz gschtampfet uf das Taburettli
bis dass dr Hansjakobli dopplet
so lut het undenufe topplet

U grüeft: “he he Fou Meier machet
doch nid so Krach!” – da hei sie glachet
u er isch obe gsi äs unde
u ds Spiel het disewäg stattgfunde

Vowägee grad so i däm Spieli
wie zgrächtem – Bischpiel git es vieli –
isch jede daderfür wird gchrampfet
gärn dä wo obenabe stampfet

Es isch nid jede wie ds Babettli
so harmlos uf sim Taburettli
drum luegit dass wie Hansjakobli
geng einen undenufe toppli

I wett fasch säge: “D’Wält wär freier
we meh würd grüeft: He he Frou Meier!”

Mani Matter (1936 – 1972)

Januar 2016

Worte
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Allein: du mit den Worten
und das ist wirklich allein,
Clairons und Ehrenpforten
sind nicht in diesem Sein.

Du siehst ihnen in die Seele
nach Vor- und Urgesicht,
Jahre um Jahre – quäle
dich ab, du findest nicht.

Und drüben brennen die Leuchten
in sanftem Menschenhort,
von Lippen, rosigen, feuchten
perlt unbedenklich das Wort.

Nur deine Jahre vergilben
in einem anderen Sinn,
bis in die Träume: Silben –
doch schweigend gehst du hin.

Gottfried Benn (1886 – 1956)

Dezember 2015

Traum

Ich bin so vielfach in den Nächten.
Ich steige aus den dunklen Schächten.
Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein.

So selbstverloren in dem Grunde,
Nachtwache ich, bin Traumesrunde
Und Wunder aus dem Heiligenschrein.

Und öffnen sich mir alle Pforten,
Bin ich nicht da, bin ich nicht dorten?
Bin ich entstiegen einem Märchenbuch?

Vielleicht geht ein Gedicht in ferne Weiten.
Vielleicht verwehen meine Vielfachheiten,
Ein einsam flatternd, blasses Fahnentuch…

Emmy Hennings (1885 – 1948)

November 2015

Am Fenster, abends
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Vor nachtgrünen Matten
unterwegs zu Wörtern,
Klartext zu einem
dunklen Gedicht.

Das innere und das äussere Land,
der Himmel flösst Gärten, Getrennte
gehen dort Hand in Hand.

In zeichenmächtiger Schwärze
vom Dachrand flatternd ein Vogel,
Gedanke, Engel in Fetzen,
der im simmernden Grau-Licht
verschwand.

Erika Burkart (1922 – 2010)

Oktober 2015

Das Loreleylied
www.youtube.com/watch?v=PZCu3sXdy6k

1. Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin,
ein Märchen aus uralten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt
und ruhig fliesst der Rhein,
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.

2. Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar,
ihr goldenes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei;
das hat eine wundersame
gewalt’ge Melodei.

3. Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh,
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn,
und das hat mit ihrem Singen
die Loreley getan.

Heinrich Heine (1797 – 1856)

September 2015

Der Sonnenuntergang

Der Sonnenwagen nahet
Dem letzten Himmelsabhang,
An dessen Fusse plätschernd
Die Meereswellen tanzen.
Die Sonnenpferde strengen
Sich an, der nahen Kühlung
Sich freuend und der Ruhe.
Schon ist das Tagsgestirne
Dem Meer so nahe, dass es
Bereits sein Bild im Schoosse
Der stillen Wellen siehet.
Es kommen stets einander
Die beiden Sonnen näher,
Zwei Königen vergleichbar
Mit ihrem Prachtgefolge,
Die froh, an ihrer Reiche
Gemeinschaftliche Gränze,
Wie Brüder sich einander
Entgegen gehn. Die Säume
Der glühendrothen Räder
Des müden Sonnenwagens
Berühren nun die Wellen,
Die zischend ihn umkreisen.
Seht! eine Silberbrücke
Schwimmt auf dem Meer, und führet
Die Sonne zu dem Schiffe,
Worin, tiefeingeschlummert,
Sie auf des breiten Weltstroms
Entlegenem Gewoge
Zum Morgenthor zurückfährt,
Um Sterblichen und Göttern
Den neuen Tag zu bringen.

Elisabeth Kulmann (1808 – 1825)

August 2015

An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füssen und wanderst auf die Hände,
Auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —– wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:
1. Anna Blume hat ein Vogel,
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!
Das gehört beiläufig in die —- Glutenkiste.
Anna Blume, Anna, A—-N—-N—-A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weisst Du es Anna, weisst Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A——N——N——A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich——-liebe——-Dir

Kurt Schwitters (1887 – 1948)

Juli 2015

Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weisse Bahn beschreibend,
Und zugleich in grünem Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Dass sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer als hoch in Lüften oben,
Dass sich völlig glichen Trug und Wahrheit.

Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
Schein und Wesen so verwandt zu schauen,
Und ich fragte mich, am Strand verharrend,
Ins gespenstische Geflatter starrend:
Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?

Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)

Juni 2015

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,
Vom Weg durchzogen, der hinüber leitet,
Das weisse Haus inmitten aufgestellt,
Was ist’s, worin sich hier der Sinn gefällt?

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Erstieg ich auch der Länder steilste Höhen,
Von wo ich könnt die Schiffe fahren sehen
Und Städte fern und nah von Bergen stolz umstellt,
Nichts ist’s, was mir den Blick gefesselt hält.

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Und könnt ich Paradiese überschauen,
Ich sehnte mich zurück nach jenen Auen,
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,
Denn der allein umgrenzet meine Welt.

Bettina von Arnim (1785 – 1859)